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Der Zustand der Ostsee und die Aktivitäten der Helsinki-Kommission

Die Ostsee ist ein recht kleines Meer mit einem flächenmäßigen Anteil am Gesamtweltmeer von nur 0,1 % ist. Sie hat aber einige Besonderheiten, die die Probleme, die in ihr auftreten, verschärfen. Die Ostsee ist nur durch sehr schmale und flache Verbindungen über den Kattegat und den Skagerak mit der Nordsee verbunden. Dadurch ist der Wasseraustausch zwischen diesen beiden Meeren sehr stark eingeschränkt. Das wiederum hat zur Folge, dass die Verweilzeiten, das heißt, die Dauer, die ein Wasserteilchen theoretisch in der Ostsee verbringt, sehr lang sind. Sie liegen zwischen 25 und 35 Jahren. Substanzen, die durch den Menschen in die Ostsee eingetragen werden, verbleiben und wirken deshalb dort sehr lange.

Hinzu kommt, dass das Einzugsgebiet der Ostsee mit rund 1,7 Mio km2 riesengroß ist, viermal größer als die eigentliche Fläche der Ostsee mit 415.266 km2. Unter dem Einzugsgebiet eines Meeres versteht man die Landmasse, von der aus alle Flüsse in dieses Meer entwässern. Dabei werden natürlich auch die unterschiedlichsten Inhaltsstoffe - Nährstoffe wie Schadstoffe - mit in das Meer transportiert. Das Einzugsgebiet der Ostsee ist außerdem stark besiedelt. So leben hier ca. 85 Millionen Menschen. All diese Menschen verursachen Abfälle und Abwässer, die über Kläranlagen mehr oder weniger gut gereinigt in die Ostsee gelangen. Zusätzlich wird auf den Landflächen, die die Ostsee umgeben intensiv Landwirtschaft betrieben. Auch hier entsteht eine ganze Reihe von Abstoffen, einmal durch die Düngerausbringung, zum anderen durch die Massentierhaltung. Gleichzeitig sind alle diese Länder hoch industrialisiert. Das heißt, sehr viel Industrie ist dort angesiedelt, die potentiell zu einer Verschmutzung des Systems führen kann. An zwei Beispielen, der Eutrophierung und der Belastung mit organischen Schadstoffen sollen die Entwicklungen belegt werden.

Unter Eutrophierung versteht man den Prozess der erhöhten biologischen Produktion in Gewässern, verursacht durch eine verstärkte Zufuhr anorganischer Nährstoffe. Die erhöhte Produktivität, die vordergründig noch nichts Negatives darstellt, führt jedoch dazu, dass hohe Mengen organischer Substanz auf den Meeresboden absinken, wo sie unter Sauerstoffzehrung zersetzt werden. Die Eutrophierung wirkt sich also negativ auf die Sauerstoffverhältnisse im Tiefenwasser der Ostsee aus. Bei den Konzentrationen der Nährstoffe Phosphat und Nitrat ist seit Ende der 1960er Jahre ein drastischer Anstieg zu beobachten, der bis Anfang der 1980er Jahre anhielt. Ursachen waren vor allem die starke Zunahme des Einsatzes von Mineraldüngern und die ungenügende Reinigung häuslicher Abwässer in den Kläranlagen. Auf Grund der großen politischen und ökonomischen Veränderungen in Mittel- und Osteuropa ging der Düngereinsatz gegen Ende der 1980er Jahre stark zurück. Gleichzeitig begann man Kläranlagen auf den neuesten Stand der Technik zu bringen. Im Ergebnis dieser Maßnahmen konnte besonders in den Küstenregionen ein deutlicher Rückgang der Nährstoffgehalte beobachtet werden. Auch in der offenen Ostsee konnte in 8 von 12 untersuchten Seegebieten ein Rückgang für Phosphat nachgewiesen werden. Für Nitrat, das komplizierte Eintragspfade aufzuweisen hat, war dies dagegen nur in einem Seegebiet der Fall (Abb. 3).

Zu den organischen Schadstoffen zählen zahlreiche Pflanzenschutzmittel. Am bekanntesten sind DDT und Lindan. Darüber hinaus werden chlororganische Verbindungen in Isolatoren, als Kühlflüssigkeiten und Weichmacher verwendet. Zu ihnen gehören polychlorierte Biphenyle (PCBs) und Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe (FCKWs). Diese Substanzen können in der Nahrungskette angereichert werden und zu chronischen Schädigungen höherer Organismen führen. Sie wurden für die Beeinträchtigung der Fortpflanzung von Robben, Seeadlern und Trottellummen verantwortlich gemacht. Anwendungsbeschränkungen und –verbote von DDT, Lindan, PCBs und FCKWs haben mittlerweile zu einem deutlichen Rückgang der zuvor äußerst bedenklichen Konzentrationen in der marinen Umwelt geführt. Davon profitieren viele Organismen. So reproduzieren sich die Seeadler heute ebenso erfolgreich wie vor den 1950er Jahren und die Bestände erholen sich. Die Eischalen der Trottellummen sind mittlerweile wieder genau so dick und fest wie vor 25 Jahren und die Vögel brüten wieder erfolgreich.

Die Bedrohung, die von all diesen Veränderungen ausging, hat man recht frühzeitig erkannt, und es wurden Maßnahmen ergriffen, um die Beeinträchtigung wissenschaftlich zu belegen. Zu diesem Zwecke wurde ein Überwachungsprogramm in der Ostsee initiiert, in dem jeder der einzelnen Ostseestaaten verschiedene Aufgaben übernommen hat. Es entstanden Langzeitdatenreihen, die die Grundlage für viele wichtige politische, ökonomische und ökologische Entscheidungen und Maßnahmen bildeten.

Bereits 1974 haben sich alle Ostseestaaten zur „Helsinki Kommission zum Schutz der Meeresumwelt der Ostsee" zusammengeschlossen. Im Rahmen dieser Helsinki-Kommission, kurz HELCOM, wurden zum einen das bereits erwähnte Messprogramm, zum anderen Aktivitäten initiiert, um den Schutz der Meeresumwelt der Ostsee zu sichern. So wurde im Jahr 1990 ein Aktionsprogramm mit dem Ziel verabschiedet, das ökologische Gleichgewicht der Ostsee wieder herzustellen und eine Restaurierung der Ostsee zu sichern, ein Programm, das auf mehr als 20 Jahre angelegt ist. Im Rahmen dieses Programms wurde nach so genannten Hot Spots gesucht, das heißt, es wurden Orte identifiziert, von denen eine besonders gravierende Belastung der Ostsee ausgeht (siehe Abb. 1).

Diese Belastungsschwerpunkte stehen für unterschiedliche Einträge wie häusliche Abwässer, industrielle Abwässer oder Einträge aus der Landwirtschaft. Insgesamt wurden 132 dieser Schwerpunkte festgestellt. Auch im deutschen Raum existierten damals 8 davon. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt konnten Stralsund, Greifswald, Rostock, Neubrandenburg, Wismar, Stavenhagen-Malchin und ein landwirtschaftlicher Schwerpunkt von dieser Liste gestrichen werden. Lediglich die Kläranlage in Lübeck ist noch nicht komplett saniert. Es ist jedoch vorgesehen, die Streichung in diesem Jahr vorzunehmen. Im gesamten Ostseeraum konnten bisher mehr als 50 der 132 Hot Spots eliminiert werden (Abb. 1). Es liegen also durchaus schon positive Ergebnisse vor.

Jedoch bleiben auch noch viele Aufgaben offen, denen sich die Arbeit der HELCOM künftig widmen wird. So stellt die Eutrophierung, primär aus diffusen Quellen, immer noch ein großes Problem für die Ostsee dar. Auch bei den Schadstoffen gibt es nach wie vor Handlungsbedarf, nicht zuletzt wegen der Vielzahl neuer Substanzen, die in ihrer Wirkung auf die Lebewesen des Meeres noch nicht ausreichend bekannt sind. Außerdem wird prognostiziert, dass der Schiffsverkehr auf der Ostsee in den nächsten Jahren stark zunehmen wird. Schiffsicherheit in den Häfen und auf See, die Vermeidung von Havarien und zusätzlicher Belastung durch den Schiffsverkehr sind wichtige damit verbundene Themen. Unverändert problematisch ist auch der Zustand vieler Fischbestände in der Ostsee, die durch natürliche Ursachen und Überfischung stark gefährdet sind und besonderer Schutzmaßnahmen bedürfen.

21.07.2005, Dr. Günther Nausch