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Sommer: Zeit der schwebenden Plagegeister

Immer wieder sorgen sogenannte Blaualgen und Quallen im Hochsommer durch massenhaftes Auftreten für Schlagzeilen. Wie entstehen solche Massenvorkommen und was bedeuten sie für die Badegäste an der Ostsee?

Cyanos und Quallen

Pünktlich zur Hauptsaison, wenn die Ostsee mit 20 °C und mehr an der Oberfläche in Scharen Urlauber an die Strände lockt, stellen sich dort oft auch andere Lebewesen in großen Mengen ein: Insbesondere Cyanobakterien, im Volksmund auch Blaualgen genannt, und Quallen und erinnern dann daran, dass man hier in einem natürlichen Gewässer mit komplexen, interaktiven Prozessen badet und nicht im Swimmingpool. Beides – durch Cyanobakterien verfärbtes, schmutzig wirkendes Wasser ebenso wie viele glibberige Quallen – trüben intuitiv den Badespaß. Aber sind diese Organismen für Strandbesucher auch gefährlich? Wie kommt es zu einem massenhaften Auftreten und ist dieses womöglich sogar ein Indikator für Umweltverschmutzung?

Cyanobakterien

Quallen

Unbeliebte Blüten: Cyanobakterien in Massen

Für Unruhe unter Ostseeurlaubern sorgen immer wieder Berichte von giftigen „Blaualgen“ in der Ostsee, die – wenn sie verschluckt werden – bei Menschen Übelkeit und Erbrechen hervorrufen und bei Tieren sogar zum Tod führen können. Genau genommen handelt es sich bei diesen Organismen um Bakterien, die in ihrer Lebensweise jedoch sehr den winzigen im Wasser schwebenden einzelligen Algen ähneln, die durch Photosynthese Energie aus Sonnenlicht gewinnen. Im Unterschied zu diesen haben sie jedoch die Fähigkeit, den eigentlich reaktionsträgen Luftstickstoff, von dem jederzeit genug im Wasser zur Verfügung steht, für sich als Nährstoff nutzbar zu machen. Cyanobakterien haben daher immer dann besonders gute Chancen, sich zu vermehren, wenn andere Phytoplankter im Wasser gelöste Nährstoffe, darunter das stickstoffhaltige Nitrat, weitgehend aufgebraucht haben. Dies ist in der Regel im Frühsommer der Fall.

Cyanobakterienteppich auf offenem Meer
Bei ruhigem Hochsommerwetter können Cyanobakterien zu dichten Teppichen an der Oberfläche aggregieren

Es gibt mehrere Tausend verschiedene Arten von Cyanobakterien, aber nur etwa 40 produzieren Giftstoffe (Toxine). Die meisten Cyanobakterien, die in der Ostsee vorkommen, enthalten solche Toxine, wenn auch in variablen Konzentrationen. In stark süßwasserbeeinflussten Buchten tritt die Gattung Microcystis mit dem Gift Microcystin auf; in der offenen See kommen vor allem zwei Arten verstärkt vor: Nodularia spumigena und Aphanizomenon sp. Erstere enthält das Lebergift Nodularin, letztere kann ebenfalls verschiedene Giftstoffe produzieren. Eine dritte Gattung, Anabaena, die das Nervengift Anatoxin enthält, tritt dort ebenfalls auf, gewöhnlich jedoch in wesentlich geringeren Biomassen. Von regelrechten Cyanobakterien-„Blüten“ spricht man immer dann, wenn sich bei ruhiger See, hoher Sonneneinstrahlung und gleichzeitiger Erwärmung des Ostsee-Oberflächenwassers die Cyanobakterien explosionsartig vermehren und so das Wasser je nach Artenzusammensetzung deutlich gelbbraun oder in inneren Küstengewässern blaugrün verfärben. Zu Beginn einer solchen ruhigen Phase aggregieren die eigentlich mikroskopisch kleinen Cyanobakterien in der Wassersäule zu mit bloßem Auge sichtbaren Flocken. Aufgrund einer Gasvakuole in den Organismen und des dadurch entstehenden Auftriebs schwimmen die Flocken bei anhaltend ruhiger See an die Oberfläche und bilden Oberflächenakkumulationen, die zu dicken Teppichen verkleben können. Innerhalb dieser Matten können sich die von ihnen produzierten Giftstoffe so stark anreichern, dass sie im Wasser gesundheitsschädliche Konzentrationen erreichen. Wenn diese Teppiche auf die Küste zutreiben, kann es daher erforderlich sein, Badeverbote auszusprechen.

In Mecklenburg-Vorpommern überprüft das Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie (LUNG) regelmäßig die Küstengewässer auf den Gehalt an Algen. In den Monaten Juli und August gilt hierbei den Cyanobakterien besondere Aufmerksamkeit. Da die großräumige Entwicklung von Cyanobakterienblüten nur durch synoptische Satellitendaten zu verfolgen ist, unterstützte das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) bis zum Sommer 2018 das Amt mit entsprechenden interpretierten Daten und einer Einschätzung des Gefährdungspotentials einzelner Küstenabschnitte. Diese Informationen, die auch an das schleswig-holsteinische Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) sowie den Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern weitergeleitet wurden, nahmen die Gesundheitsämter unter der Führung des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LAGUS) als Grundlage, um neben ihren Routinekontrollen der Badegewässerqualität gezielt an potenziell gefährdeten Stränden Proben zu nehmen. Hier liegt dann bei starkem Cyanobakterien-Aufkommen auch die Verantwortung für die zeitweise Sperrung von Strandabschnitten. Da sich die Windverhältnisse an der Ostsee oft kurzfristig ändern, sind solche Maßnahmen jedoch nur äußerst selten notwendig, denn eine Änderung der Windrichtung auf Ost kann schon die meisten Küstenabschnitte Mecklenburg-Vorpommerns von Cyanobakterienakkumulationen befreien. Außerdem reichen Windereignisse ab 3-4 BFT oft schon aus, um die Teppiche auseinanderzutreiben und damit eine gefährliche Toxinanreicherung zu verhindern. Aktuell erfolgt keine Interpretation von Satellitenaufnahmen hinsichtlich Cyanobakterienblüten am IOW.

Ausführliche Informationen zu Cyanobakterien und ihre Bedeutung für das Ökosystem Ostsee finden Sie unter:
www.io-warnemuende.de/blaualgen-cyanobakterien.html

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Quallen: Nur zwei Prozent mehr als Meer

Ohrenqualle in der Wassersäule schwebend
Mitunter häufig aber harmlos: die Ohrenqualle

Mit einem Wassergehalt von 98 – 99 % gehören Quallen zu den Tieren, die am wenigsten eigene Körpersubstanz besitzen, um sich von ihrer Umwelt abzugrenzen. Die Quallenart, die Besucher am häufigsten an den Ostseebadestränden antreffen, ist die Ohrenqualle Aurelia aurita. Wie alle Quallen durchläuft sie jedes Jahr einen Zyklus mit festsitzenden und frei im Wasser schwebenden Entwicklungsstadien. Allgemein bekannt ist das freischwebende Sommerstadium, die sogenannte Meduse, die meist im Juli zu einem geschlechtsreifen Tier herangewachsen ist und bis in den Oktober hinein in großen Mengen in der Ostsee auftreten kann. Wie häufig diese „erwachsenen“ Quallen in den Sommermonaten sind, hängt unter anderem davon ab, wie viel Nahrung sowohl die kleinen Larvenvorstadien als auch die heranwachsenden Medusen finden. Quallenfutter besteht aus kleinsten, ebenfalls frei in der Wassersäule schwebenden Tierchen, dem Zooplankton, dessen Häufigkeit wiederum im Wesentlichen vom Phytoplankton, mikroskopisch kleinen, schwebenden Pflanzen, und damit letztendlich vor allem vom Nährstoffangebot, Lichteinfall und von der Wassertemperatur bestimmt wird, die das Phytoplanktonwachstum regulieren. Ob die allgemeine Eutrophierung der Ostsee, also ihre erhöhte Versorgung mit Pflanzennährstoffen (Stickstoff und Phosphor) durch menschliche Aktivitäten in den Einzugsgebieten, über diese Nahrungskette indirekt zur verstärkten Entwicklung von Quallenpopulationen beiträgt, ist bislang nicht wissenschaftlich zu belegen. Quallen sind jedoch keinesfalls Anzeiger für „schmutziges“ Wasser. Wenn sich Badegäste durch ihr massenhaftes Auftreten in ihrem Badegenuss beeinträchtigt fühlen, hat dies in der Regel nichts mit der Wasserqualität vor Ort zu tun. Vielmehr wurden die Tiere, die langsame Schwimmer sind und hauptsächlich von Meeresströmungen transportiert werden, durch Windeinflüsse zu großen Schwärmen an einer bestimmten Stelle zusammengetrieben oder an den Strand gespült.

Gelbe Haarqualle und Taucher freischwebend
Gelbe Haarquallen - auch Feuerquallen genannt - sind eher selten. Hier ist Abstand halten angesagt

Um ihre Nahrung ungehindert zur Mundöffnung an ihrer Unterseite transportieren zu können, lähmen Quallen ihre Beute mit Gift in sogenannten Nesselkapseln, die an ihren Tentakeln und an ihrer Schirmoberfläche sitzen und „explodieren“, wenn sie berührt werden. Bei der Ohrenqualle Aurelia aurita ist eine derartige Berührung für Menschen oder auch badende Hunde völlig harmlos, weil die Nesselkapseln zu klein sind, um die Haut zu durchdringen und ihr Gift zu injizieren. Unangenehmer ist da schon eine „hautnahe“ Begegnung mit der Gelben Haarqualle Cyanea capillata, die von Strandbesuchern meist als „Feuerqualle“ angesprochen wird: Ihre Nesselkapseln haben eine höhere Durchschlagskraft und können mit ihrem Gift allergische Reaktionen und Hautrötungen hervorrufen. Anfassen sollte man sie also nicht und im Wasser nach Möglichkeit einen gebührenden Abstand halten. Gelbe Haarquallen sind im Oberflächenwasser der Ostsee eher selten, gelangen jedoch durch windbedingten Auftrieb von salzreichem Tiefenwasser auch schon mal in die Badebereiche oder werden am Strand angespült. Hat man sich trotz aller Vorsicht doch einmal an einer Haarqualle „verbrannt“, ist das zwar unangenehm, jedoch nicht gefährlich. Vorsichtiges abspülen mit Meerwasser – nicht reiben (!) – hilft, an der Haut klebende Tentakel sowie nicht explodierte Nesselkapseln zu entfernen und das brennende Gefühl zu lindern. Süßwasser und andere Flüssigkeiten wie Desinfektionsalkohol sollten nicht zum abspülen verwendet werden, da sie noch nicht explodierte Nesselkapseln auslösen und so das Brennen verstärken.

Mehr zur Lebensweise von Quallen, insbesondere der Ohrenqualle Aurelia aurita, finden Interessierte unter:
www.io-warnemuende.de/aurelia-aurita.html

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