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Filigrane Wunderwerke oder glibberiger Matsch: Quallen - Vorkommen und Gefährdung

Wunderwerke? Filigran? Fischer denken gewiss anders darüber, wenn ihre Netze im Sommer durch Quallen verstopft sind, oder sie sich in manchen Jahren beim Einholen der Fanggeräte durch entsprechende Bekleidung und Motorradbrillen vor der Nesselwirkung schützen mussten. Und was sagen die Badegäste, wenn sie beim Schwimmen in eine gallertartige Masse greifen und sich dann auch noch ein Brennen auf der Haut bemerkbar macht? Und dennoch, es sind Organismen. Wir teilen mit ihnen den Lebensraum und sie zeichnen sich trotz ihrer Ursprünglichkeit durch ziemlich unerwartete Eigenschaften aus.

Ihr Körper besteht aus zwei aufeinander liegenden Zellschichten, der äußeren Epidermis und der inneren Gastrodermis. Dazwischen liegt eine zellfreie Stützschicht, die Mesogloea. Der Magen besteht im Wesentlichen aus einem Hohlraum. Er findet seine Fortsetzung in einem verzweigten Kanalsystem. Es gibt nur eine Öffnung nach außen, die gleichzeitig als Mund und After dient. Ferner sind subtile Nervennetze bekannt, jedoch keine echten Organe. Als kennzeichnendes Bauelement sind Nesselzellen in der Außenseite des Schirmes und an Fangarmen zu Beuteerwerb und Abwehr typisch.

Wer aber denkt schon daran, dass der „glibberige Matsch" über Sinne verfügt? Die Organe dafür sind bei Schirmquallen in acht so genannten Rhopalien, den Randkörpern, untergebracht. Dank des Gleichgewichtssinnes können die Quallen zwischen „oben" und „unten" differenzieren. Darüber hinaus unterscheiden sie hell und dunkel, in manchen Fällen sogar mehr. Sie besitzen Augen, die bei einigen Arten sogar mit Linse und Retina ausgestattet sind. Zwei Grübchen, an der Basis und an der Deckplatte der Randkörper, sind die Riechgruben. Zusätzlich sind zahlreiche Tastsinneszellen vorhanden. Von den Sinneskörpern fließen Nervenimpulse zur Muskulatur im unteren Schirmbereich. Dadurch kommt es zur rhythmischen Kontraktion, eine Voraussetzung für die so anmutige Fortbewegung. Durch unterschiedlich starke Bewegungen des Schirmrandes wird sogar „gesteuert", bei manchen Arten durch das gerichtete Auspressen eines Wasserstrahles.

Quallen sind überwiegend im Meer zu finden. Sie gehören fast alle zum Stamm der Nesseltiere (Cnidaria), zu dem insgesamt bis zu 9.000 Arten gehören. Die ursprünglichste Gruppe bilden die Schirmquallen (Scyphozoa) mit etwa 250 Vertretern. Hierher gehören die in der Ostsee am häufigsten vorkommende und weltweit verbreitete Art, die Ohrenqualle (Aurelia aurita) und die Gelbe Haarqualle (Cyanea capillata). Letztere ist vor Warnemünde im Sommer bei Ostwind anzutreffen, wenn salzreiches Tiefenwasser vor der Küste aufquillt. Im Kattegatt und den Belten kann sie, wie im Jahre 2003, zur Plage werden. Sie wird hier wie die Ohrenqualle tellergroß. Aus arktischen Gewässern sind aber Schirmdurchmesser von über 2 Metern bekannt.

Bislang haben wir lediglich über Quallen gesprochen und dazu den analogen Begriff der Meduse verwendet. Doch bei den Schirmquallen, Hydroiden und Würfelquallen wechseln aufeinander folgende Generationen ihre Gestalt in unglaublicher Weise. Dabei gehören sie ein und derselben Art an. Zu der im freien Wasser schwebenden Meduse gehört die am Boden, an Algen oder Steinen festsitzende Erscheinungsform, der Polyp. Die Medusen vermehren sich durch Befruchtung, die Polypen ungeschlechtlich. Im Gegensatz zur Meduse sind die Polypen nur Millimeter groß.

Im Laufe des Generationswechsels von Ohrenquallen schnüren sich in der Ostsee im Spätherbst von den Polypen etwa 50 bis 60 Medusen-Larven ab. Sie sind genetisch völlig identisch. Die so „geklonten" Larven wachsen dann mit 1-3 mm pro Tag zu tellergroßen Weibchen bzw. Männchen heran. Im Sommer erreichen sie die Fortpflanzungsfähigkeit. Die vier kreis- oder ohrenförmigen Geschlechtsorgane (Gonaden), sind bei weiblichen Tieren rosa und bei männlichen weiß gefärbt. Die reifen Gonaden platzen, Keimzellen gelangen über den Mund nach außen. Die Befruchtung kann im Gastralraum stattfinden. Dort, in den Gonaden oder in den Taschen der Mundarme erfolgt die Brutpflege (Abb. 1). Die fertigen, bewimperten Planula-Larven (als Vorstufe eines Polypen) werden ins Wasser entlassen und setzen sich im Herbst wieder als Polyp fest. Am freistehenden Ende bricht dann ein Mund durch die doppelwandige Haut und Tentakel beginnen zu knospen. In warmen Jahren gibt es bis zu 30 cm große Quallen und natürlich viele. Sind die Winter mild, wachsen schon mal zwei Generationen heran.

Für den Nahrungserwerb spielen die Nesselkapseln eine wichtige Rolle. Wird das Cnidocil - ein borstenartiger Fortsatz, von der Beute, meist Ruderfußkrebse und Wasserflöhe, berührt, so explodiert die Kapsel. Innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde wird der Nesselschlauch herausgeschleudert und hakt sich am Opfer fest. Augenblicklich werden Neurotoxine injiziert. Auch vom Badegast werden die Nesselkapseln besonders gefürchtet. Wenn deren Pfeile unsere Haut durchdringen und das Gift injiziert wird, reicht die Schädigung je nach Quallenart von Hautreizungen über Herzrhythmusstörungen bis zum Herzversagen. Letzteres wurde im Jahre 2002 aus dem Warmwasserbereich vor Australien berichtet. In der westlichen Ostsee kommt es schlimmsten Falls zur schmerzhaften Hautreizung, wenn wir es mit der Feuerqualle zu tun bekommen. Abspülen der Tentakelreste und Kühlen mit Eis helfen dann wirksam. Die Ohrenqualle ist völlig ungefährlich. Für ihre Nesselpfeile ist unsere Haut zu derb.

Außer mit Nesselzellen sind der äußere Schirm und die Mundarme der Quallen noch mit Geißeln ausgerüstet. Die in Schleim gehüllte Nahrung wird dadurch in der an der Schirmunterseite befindlichen Futter- und Geißelrinne konzentriert und von dort aus durch die Mundarme dem Mundrohr zugeführt. Die Nahrung wird von Enzymen verdaut und anschließend über das verzweigte Kanalsystem im Organismus verteilt.

In Gebieten mit einem Überschuss an Nährstoffen tragen Quallen zur Gewässerreinigung bei. Sie verbrauchen die aufgenommene Energie hauptsächlich zur Bewegung und Fortpflanzung, denn selbst bestehen sie zu einem hohen Prozentsatz aus Wasser. Sie hinterlassen demzufolge kaum abzubauende Substanz.

Quallen selbst haben wenige Feinde. Für die Ohrenqualle ist ein Schädling bekannt: der ziemlich regelmäßig unter dem Schirm lebende, kleine Krebs Hyperia galba. Er nutzt das Tier nicht nur als „Transporter“, sondern verzehrt die vom „Wirt“ in der Futterrinne konzentrierte Nahrung. Das kann dazu führen, dass die Qualle verhungert.

Natürlicherweise werden Medusen nur 3, selten 6 - 9 Monate alt und sterben nach beendeter Fortpflanzung durch Alterstod oder / und durch Nahrungsmangel. Die Polypengeneration lebt länger. Sie kann mehrmals Medusen erzeugen und dabei ein Alter von mehreren Jahren erreichen. Entwicklungsgeschichtlich sind die Cnidaria allerdings sehr alt: Medusen gab es bereits vor 500 Millionen Jahren.

21.07.2005, Dr. Lutz Postel