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Wann kam die Flut? Aktuelle Untersuchungen zum Verlauf der Litorina-Transgression

Mit der so genannten Litorina-Transgression, einer durch den weltweiten Meeresspiegelanstieg ausgelösten Überflutung weiter Festlandsbereiche im südlichen Ostseeraum, nahm die Ostsee vor rund 8.000 Jahren in etwa ihre heutige Gestalt an. Über das genaue Alter dieser Überflutung gibt es widersprüchliche Meinungen. Dabei kreisen die wissenschaftlichen Arbeiten immer wieder um die Frage, welche der drei Meerengen (Großer Belt, Kleiner Belt, Öresund) zwischen Nord- und Ostsee als erste zum Einfallstor für das Salzwasser aus dem Kattegat wurde. Dies ist auch für die Siedlungsgeschichte an den südlichen Ufern der Ostsee von großer Bedeutung. Je nachdem, ob die Überflutung zunächst durch die Belte oder den Öresund erfolgte, wären zunächst die Siedlungen westlich oder östlich der Darßer Schwelle davon betroffen gewesen.

Im Rahmen eines aktuellen Forschungsprojektes sollen diese Fragen geklärt werden. Eine zentrale Rolle nehmen dabei Altersdatierungen ein. Die neuen AMS-14C-Datierungsmethoden gestatten im Vergleich zu traditionellen Verfahren eine genauere Altersbestimmung an sehr kleinen Mengen organischen Materials. Mit dieser Methode soll das Alter der jüngsten Süßwasser- und ältesten Brackwassersedimente in verschiedenen Gebieten der westlichen Ostsee bestimmt werden. Auf diese Weise erhofft man sich, den Verlauf der Überflutung zeitlich und räumlich genauer erfassen zu können. Mit speziellen Forschungsschiffen werden dazu geeignete Sedimentkerne für eine sedimentologische, paläobotanische und archäozoologische Analyse gewonnen, die eine Rekonstruktion der damaligen Umweltbedingungen und -entwicklung ermöglichen.

Eine weitere Möglichkeit zur zeitlichen Eingrenzung der Litorina-Transgression bieten auf dem Meeresboden anzutreffende Baumreste. Diese lassen sich neben der Isotopengestützten Datierung unter bestimmten Umständen auch dendrochronologisch, also mit Hilfe der Baumringe, datieren. Wenn diese Baumstämme nicht am Meeresboden umgelagert wurden, bilden sie eine willkommene Zeitmarke für festländische Bedingungen zu ihrer Entstehungszeit in ihrer heutigen Wassertiefe. Je mehr solcher Baumreste in unterschiedlichen Wassertiefen angetroffen, beprobt und datiert werden, desto genauer können Aussagen zum Überflutungsverlauf im betreffenden Gebiet gemacht werden. Mittlerweile konnten durch die Forschungstaucher des Instituts für Ostseeforschung und des Archäologischen Landesmuseums an verschiedenen Positionen in Mecklenburger Bucht Proben von über dreißig Baumstümpfen in Wassertiefen zwischen und –13 m und –1 m Wassertiefe geborgen werden. Erste Radiokarbonergebnisse liegen für den Trollegrund westlich von Kühlungsborn und für den Jäckelgrund nördlich der Insel Poel vor. Auch archäologische Befunde können bei der Rekonstruktion des Transgressionsprozesses helfen. Erste Untersuchungen an steinzeitlichen Küstensiedlungen vor der Insel Poel ergaben bereits wichtige Hinweise für den Verlauf des Wasserspiegelanstiegs in dieser Region.

Die derzeitig vorliegenden Informationen deuten im Bereich der Mecklenburger Bucht auf einen sehr schnellen Meeresspiegelanstieg vor etwa 8000 Jahren hin. Für das Gebiet östlich der Darßer Schwelle müssen die vorhandenen Daten noch verdichtet werden, um vergleichende Aussagen machen zu können.

Diese Fragen werden im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes „SINCOS - Sinkende Küsten" bearbeitet. Weitere Informationen finden Sie im Internet unter http://www.sincos.org.

21.07.2005, Dr. Wolfram Lemke