MGF-Ostsee-Projekt mit drei erfolgreichen Expeditionen gestartet

Schlangensterne im Sediment. Gefangen mit dem Multicorer. © M. Gogina
Schlangensterne im Sediment. Gefangen mit dem Multicorer. © M. Gogina

Unsere ersten Expeditionen sind inzwischen abgeschlossen. Wir haben für Euch die Fahrtleiter der Elisabeth Mann Borgese 238 Fahrt, Mayya Gogina und Mischa Schönke, über ihre Eindrücke an Board befragt, um allen nicht an der Fahrt Beteiligten einen kleinen Einblick zu gewähren. Auch das Thünen-Institut um Daniel Oesterwind und Michael Kriegel hat mit den Schiffen Clupea und Solea bereits erste Fahrten durchgeführt und schon „fette Fisch-Beute“ gemacht. Hier erzählen sie, wie es war.

„Ein Kutter hat BIGO gefangen“
„Die Expedition mit Elisabeth Mann Borgese (EMB) stellte sich als überraschend erfolgreich heraus. Die Bereitschaft, alles zu tun, um die geplanten Arbeiten durchzuführen, war vom gesamten Team bemerkenswert“, sagt Mayya Gogina. Mischa Schönke fügt hinzu: „Alle waren hoch motiviert und haben an einem Strang gezogen, sodass wir schnell einen gemeinsamen Rhythmus gefunden haben. Dank des guten Wetters und aufgrund der Tatsache, dass das Sediment besser zu beproben war, als im Vorfeld angenommen, haben wir so viele Proben nehmen können, dass die Probenbehälter gerade so gereicht haben.“

Mayya untersucht bei der EMB238 Fahrt unter anderem die Gemeinschaftsstruktur und Biodiversität von am und im Meeresboden lebender Makrofauna. Unter diesem Begriff fasst man unterschiedliche wirbellose Arten zusammen, die eine Größe von circa 0,5 mm bis 50 mm aufweisen. Darunter fallen z.B. Muscheln wie Arctica islandica - die Islandmuschel. Zur Beprobung des Sediments am Meeresboden nutzt Mayya große Gerätschaften, die vom Schiff mit einem Kabel ins Wasser gelassen werden. Bei dieser Fahrt war Mayya bereits zum fünften Mal Fahrtleiterin.

„Aber die Vorbereitungen und die Durchführung der Expedition waren noch nie so stressig und spannend wie dieses Mal,“ sagt sie.

Die Planung und Logistik durch die neuen COVID-19-Bedingungen war eine echte Herausforderung: Die Anzahl der Forscher an Bord war auf sieben Leute begrenzt worden und jeder Teilnehmer hatte vor Fahrtantritt zwei negative Corona-Tests nachzuweisen. Händeschütteln, Umarmen – alles sei nicht erlaubt gewesen.

 

Lander unter Wasser. © Submaris
Lander unter Wasser. © Submaris

„Der Test im Vorfeld ist der Schlüssel dafür, dass Forschungsreisen in Corona-Zeiten stattfinden können. Abstandhalten und Mundschutz sind an Bord nur eingeschränkt umsetzbar“, so Mischa.

Der junge Geophysiker war bereits auf vielen Fahrten dabei, aber nun zum ersten Mal Fahrtleiter.

„Aber gleich die erste Fahrt als Chief-Scientist hat mich besonders gefordert“.

Neben dem eigenen Programm, der Vermessung des Meeresbodens, was unter anderem dazu dienen sollte die Stationen der Probennahme festzulegen, hatte Mischa nun ein Team unterschiedlicher Disziplinen zu führen und parallel mit der Schiffsführung die Tagespläne zu besprechen. Die neuen Messgeräte hatte Mischa jedoch noch nie selbst in Betrieb genommen.

„Man kann im Vorfeld viel planen und testen und auf dem Schiff kommt dann doch alles anders. Daher war ich erleichtert, als meine Geräte eingerichtet waren und das Team gut zusammengearbeitet hat.“

Am vorletzten Abend geschah dann noch etwas völlig Unerwartetes.

„Es war 23:20 Uhr am 07.06.2020, nur noch ein Tag auf See,“ beginnt Mayya zu erzählen. „Einige saßen zusammen bei einem Feierabendbier und sprachen darüber wie gut die Ausfahrt gelaufen sei, als plötzlich Kapitän Tino Kaufmann in das Labor kam: „Ich glaube ein Kutter hat trotz aller Warnung unseren BIGOLander mit seinen Netzen gefangen!

Der BIGO-Lander, (BIGO=Biogeochemische Observatorium) dient dazu am Meeresboden Stoffflüsse von beispielsweise Sauerstoff, Nitrat oder Nitrit zu messen.

Sie seien dann auf die Brücke gegangen, um zu sehen wie der Fischer vergebens versuchte sein Boot aus der Gefahrenzone fortzubringen. Erst um 2 Uhr nachts hatte sich das Boot schließlich befreien können, doch die Bojenleine, die an der mit Blitzlicht ausgestatteten Oberflächenmarkieung von BIGO befestigt war und zum Bergen des Gerätes diente, hatte sich verabschiedet. Ohne Leine war es nun aber nicht mehr möglich BIGO einzuholen. Also wurde kurzerhand ein Taucherteam aus Kiel beauftragt (Submaris), das zu BIGO hinabtauchte und eine neue Leine befestigte. So konnte das Gerät mittels Schiffskran schließlich wieder an Deck geholt werden.

Vielen Dank an dieser Stelle an die Taucher von Submaris!

Die mechanischen Schäden an BIGO waren leider ziemlich offensichtlich. Er war bei dem Manöver mit dem Fischer wohl auf die Seite gefallen und am Boden entlang geschleift worden.

„Ich denke, dass eine höhere Oberflächenmarkierung nötig ist, wenn wir das nächste Mal in einem Gebiet mit so einer hohen Fischereitätigkeit arbeiten, gibt Mayya abschließend zu Bedenken.

Der Vorfall zeigt, wie aktuell die Thematik des MGF-Projektes ist, denn die Fischereiaktivitäten finden genauso intensiv innerhalb der Schutzgebietsgrenzen wie außerhalb statt.

 

Plattfisch
Plattfisch

Auf Fischfang
Auch am Thünen-Institut fanden bereits zwei Ausfahrten mit den Fischereiforschungsschiffen Clupea und Solea statt, mit dem Ziel die Fischgemeinschaften in den Projektgebieten zu erfassen.

Doktorand Michael Kriegl hat auf den Ausfahrten in Fehmarnbelt und Oderbank Fischproben gesammelt. Er untersucht die Artenvielfalt, Nahrungsökologie und Reife der Fischfauna in den beiden äußerst unterschiedlichen Untersuchungsflächen. Die gefangenen Fische wurden gleich an Bord bestimmt, gewogen und vermessen. Dadurch konnte sich Michael bereits einen guten Überblick über die Fischgemeinschaften in den Projektgebieten verschaffen.

Seine ersten Eindrücke: „Die Fischfauna im Schutzgebiet Fehmarnbelt ist vergleichsweise divers, dort konnten wir mehr als 20 verschiedene Fischarten nachweisen.“ „Aufgrund des niedrigeren Salzgehalts an der weiter östlich gelegenen Oderbank ist die Fischfauna in diesem Gebiet eine deutlich Andere. Hier finden wir im Vergleich zu Fehmarnbelt viel weniger Fischarten“, fügt Michaels Betreuer Daniel Oesterwind hinzu.

Neben allerlei Fisch wurde auch eine Vielzahl weiterer Proben, vom mikroskopischen Phytoplankton bis zu größeren bodenlebenden, wirbellosen Organismen, für Nahrungsnetzanalysen des Kollegen Martin Paar genommen. Außerdem wurden reichlich Proben der Islandmuschel (Arctica islandica) für die Kollegen Stefan Forster und Martin Powilleit (alle Uni Rostock) gesammelt.

Wie zahlreich Arctica in den Untersuchungsgebieten um Fehmarnbelt anzutreffen ist, erklärt Daniel Oesterwind: „Im Fehmarbelt haben sich unsere Netze teilweise so schnell mit Arctica-Muscheln gefüllt, dass wir nach knapp 3 Minuten aufhören mussten zu fischen, damit das Netz nicht reißt“.

Im Januar 2021 steht die nächste Ausfahrt an und die Wissenschaftler des Thünen-Instituts sind schon gespannt, was ihnen diesmal ins Netz gehen wird.

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